Friday, January 13, 2006

Essay 2

Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Evolutionismus als Theorie in der Anthropologie dominierte, und die Evolutionisten mit ihrer (An)Sammlung an Materialien und Daten eine gute Basis für weitere Forschungen schafften, fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Wende in der Anthropologie statt. Einer der Gründe dieser Wende war, dass mit der Zunahme von empirischen Feldforschungen die grundlegende Annahme dieser Denkrichtung, die einer unilinearen Entwicklung aller Menschen und Kulturen, nicht mehr haltbar war. Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts war an seine Grenzen gestoßen.
Somit kehrten sowohl die amerikanische, als auch die europäische Anthropologie dem Evolutionismus den Rücken.
In Nordwesteuropa entwickelte sich der struktur-funktionale Ansatz, der sich bald in zwei eigenständige Richtungen teilte und in Nordamerika wurde er von der Idee des Kulturrelativismus abgelöst.
Der Begründer des amerikanischen Kulturrelativismus ist Franz Boas, der die Kultur- und Sozialanthropologie ein halbes Jahrhundert lang entscheidend prägte. Seit über hundert Jahren wird in Nordamerika Anthropologie nach seinem Konzept –dem "Four Field Approach"- gelehrt. "Unsere" Kultur- und Sozialanthropologie ist dort nur ein Teil der Ausbildung, die durch Archäologie, Linguistik und physische Anthropologie komplimentiert wird. [1] [2]

Franz Boas
Geboren 1858 in Deutschland, studierte der Sohn einer jüdisch-deutschen Familie Geografie, Physik und Mathematik.
Seine erste Forschungsreise führte ihn 1883-84 zu den Inuit auf Baffin Island in Kanada; er wollte wissen, was die Inuit über ihre Umwelt wussten, ob ihr Umweltverständnis bzw. -wissen mit seinem "objektiven" geografischen Bild der Region Übereinstimmungen aufwies. Er verabschiedete sich langsam vom Umweltdeterminismus, als er sah, dass die Kultur der Menschen ihr Handeln und Wissen viel entscheidender beeinflusste, als Umwelteinflüsse. Er wendete die Methode der teilnehmenden Beobachtung an, jagte mit den Inuit, begann ihre Sprache zu erlernen und führte Aufzeichnungen über ihr kulturelles Leben; er war als Geograf gekommen und verließ Baffin Island als Ethnologe.
(The Central Eskimo, 1888) [3] [4] [5]
Er kehrte 1884 nach Deutschland zurück, begann unter Adolf Bastian am Museum für Völkerkunde in Berlin zu arbeiten und sich hier bereits näher mit den Kulturen der Nordwest-Küste Amerikas zu befassen.
Zwei Jahre später emigrierte er in die USA, da er in Deutschland keine guten Berufsperspektiven hatte, auch aufgrund des aufkommenden Antisemitismus. [3] [6]

"Boas´ Gedankenwelt war maßgeblich gespeist vom deutschen Liberalismus der Nach-1848er-Generation, vom liberalen Judentum, von der pädagogischen Reformbewegung und dem Humanismus Adolf Bastians, unter dessen Leitung er zeitweise am Museum für Völkerkunde in Berlin arbeitete." [7]

Sein Interesse an der indigenen Bevölkerung der Nordwest-Küste Amerikas führte Boas auf Vancouver Island, wo er insgesamt zwölf Feldforschungen durchführte, und dabei besonders den Indianerstamm der Kwakiutl intensiv erforschte. Die Kwakiutl sind keine Bodenbauern, sondern eine sesshafte Jäger- und Sammlergemeinschaft; sie leben in einer ökologisch reichhaltigen Nische, haben einen hohen Lebensstandard, entwickeltes Kunsthandwerk, eine starke innere Hierarchie und sogar Ansätze von Sklaverei. Diese Entdeckungen Boas´ widersprachen Henry Morgans Evolutionstheorie, da diese Jäger- und Sammlergemeinschaft weit entwickelt war. [6] [8]
Seine Beobachtungen schrieb er in mehreren Büchern nieder, die auch publiziert wurden, wobei seine Studie "Kwakiutl Culture as Reflected in Mythology", die 1935 veröffentlicht wurde, wohl das außergewöhnlichste und bedeutendste ist. "Hier wurde die natürliche, übernatürliche und menschliche Welt der Kwakiutl von Boas so porträtiert, ‘wie sie den Indianern selbst erscheint‘."[9] [10]

"1899 erhält er an der Columbia University/New York den ersten Lehrstuhl für Kulturanthropologie.[...] Er bildete eine Reihe bedeutender Forscher aus, die zum Teil an den wichtigsten Universitäts-Instituten der USA lehrten." [7]

Boas entwickelte 2 Grundgedanken:
1. "Kultur ist wie Sprache"
Es sei wie mit der Sprache: man kann eine Sprache nicht so erlernen, wie jemand der mit ihr aufwächst und sie somit verinnerlicht. Sprache sei der Zugang zu einer bestimmten Kultur, in ihr spiegelt sich die Mentalität einer Gesellschaft wider.
Er war der Meinung, dass man Kulturen nur aus sich selbst heraus verstehen könne; alle Kulturen seien eben relativ, weisen eine eigene individuelle Entwicklung und Geschichte auf, und könne man darum nicht miteinander vergleichen, wie dies die Evolutionisten taten. Diese Theorie, die im Gegensatz zum Universalismus der Evolutionisten steht, nennt man historischen Partikularismus.
2. "Four Field Approach"
Er erkannte, dass physische Merkmale, Kultur und Sprache nicht miteinander verbunden sind. Somit sollte auch jeder dieser Aspekte mit unterschiedlichen Methoden untersucht werden; mit diesen Erkenntnissen, die für die damalige Zeit revolutionär waren, entwickelte er seine "Four Field Approach", die auch heute noch gelehrt wird. Man sollte die Kultur zwar mit unterschiedlichen Methoden untersuchen, jedoch als funktionales Ganzes betrachten, was man als holistisches Vorgehen bezeichnet.
[2] [8] [10]

"Die Akzentsetzung auf Empirie und Ganzheitlichkeit (Holismus) verband sich bei Boas und seinen SchülerInnen mit großer Skepsis gegenüber komparativen Aspekten und der Erarbeitung entsprechender Modelle. Zugleich wurde aus einer anti-rassistischen Grundhaltung heraus die Einheit der Menschen bei grundsätzlicher Gleichwertigkeit all ihrer Kulturen unterstrichen. In dieser gleichzeitigen Betonung von Allgemeinem (Menschheit) und Einzelnem (Lokalkultur) wurden Unterschiede zwischen den Lokalkulturen entweder durch verschiedene Verläufe der Lokalgeschichte erklärt oder durch Schlüsselsymbole im jeweilig vorherrschenden kulturellen Selbstverständnis." [11]

In wohl seinem berühmtesten Buch "The Mind of Primitive Man" (1911) fasst er diese Gedanken zusammen; er betont, dass "Weiße" nicht geistig überlegener als andere Kulturen wären, sondern bloß mehr Vorteile hätten; ebenso betont er die Unabhängigkeit von Sprache, Kultur und Rasse, und hebt hervor, dass kein Mensch unberührt von fremden Einflüssen ist. [4]

Auch die Einteilung seines Forschungsgebietes in Kulturareale (1910) - Gebiete von kultureller Ähnlichkeit auf einem Kontinent - ist von großer Bedeutung,; einer sein Student Melville Herskovits erstellte 1924 ein solches Schema für Afrika. [9]

Die erste Generation an Studenten, die Boas vor dem Erster Weltkrieg ausbildete, befasste sich mit ausgewählten kulturellen Teilbereichen, wie zum Beispiel Verwandtschaft, Religion oder Mythos, zum Teil in verallgemeinernder Form. Zu den bedeutendsten dieser Anthropologen zählen:

Alfred L. Kroeber, der einen eher harten Kulturrelativismus; er und seine Studenten beschäftigten sich - wie Boas - mit den Stämmen der Nordwest-Küste. In seiner 1917 erschienenen Publikation "The Superorganic" betonte er die absolute Unabhängigkeit kultureller Phänomene vom "Organischen", eine Kategorie die Biologie, Psychologie und das Individuum beinhaltete. [8] [12]

Edward Sapir, der mit einem seiner Studenten, nämlich Benjamin Lee Whorf, Boas´ Überlegungen zur Beziehung von Sprache und Kultur insofern weiterführte, als sie meinten, dass Sprache unser Denken prägt. Sie entwickelten die "linguistische Relativitätstheorie"; jede Sprachfamilie besitzt eine so starke Eigenlogik, dass aufgrund dieser Eigenlogik unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit geprägt wird. Sprache sei primär Ausdrucksmittel für Kultur, die soziale Kommunikation sei nachrangig.

Melville Herskovits, den ich bereits weiter oben erwähnte, und Robert Lowie, der einen schwächeren Kulturrelativismus vertrat; er sah Kultur nicht als etwas starres an, sondern als etwas dynamisches, das sich verändern kann.
"History of Ethnological Theory" (1937) [8]

Eine zweite Generation an Studenten bildete Boas in den 20er Jahren aus; die bedeutendsten sind Ruth Benedict und Margaret Mead mit ihrer berühmten "culture and personality school", die bis in die 50er Jahre das vorherrschende Theoriegebilde des "harten" Kulturrelativismus war. "Über den bis in die unmittelbare Nachkriegszeit anhaltenden dominanten Einfluss der US-amerikanischen Kulturanthropologie im internationalen anthropologischen Diskurs wurde sie in diesen Jahrzehnten zu einem der zwei oder drei weltweit vorherrschenden, anthropologischen Forschungsansätze. Eben dieser Tradition entstammen die bis heute meistgelesensten anthropologischen Werke aller Zeiten – Ruth Benedicts "Patterns of Culture" und Margaret Meads "Coming of Age in Samoa"." [12] [14]

Ruth Benedict untersucht in ihrem Hauptwerk "Patterns of Culture" (1934) drei verschiedene Völker und porträtiert ihre unterschiedlichen Wirklichkeitsstrukturen. Sie kam zu dem Schluss, dass das was in einer Gesellschaft als normal angesehen wird, in der anderen nicht als normal gilt. Normalität ist also immer an eine spezifische Kultur gebunden. So beschreibt sie die Zuni in New Mexico als appollonisches Volk; sie führen ein geordnetes, friedvolles Leben und legen eine große Bedeutung auf Zeremonien. Ihr Leben verläuft nach strengen, vorgegebenen Regeln. Die Kwakiutl hingegen beschreibt sie als dionysisch; ihr extrovertiertes, leidenschaftliches und exzessives Verhalten zeigt sich besonders bei der Feier des Potlach. Die Dobuans in Melanesien beherrscht starkes Konkurrenzstreben, sie misstrauen jedem und werden als paranoid beschrieben. Sie sind misstrauisch und leben in ständiger Angst voreinander – und sehen das als normal an.
Ruth Benedicts Hauptinteresse galt der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft; sie versuchte zu beschreiben, welche Kulturmuster (Normen, Werte) hinter Verhaltensmustern liegen, das heißt wie Kultur individuelles Handeln beeinflusst.
Nach Benedict hat jede Kultur ihr "pattern of culture"; jeder Kultur stehen eine Reihe von Kulturelementen zur Verfügung, und aus der Kombination und Betonung von verschiedenen solcher Elemente, deren Anzahl beschränkt ist, ergeben sich die verschiedensten Merkmale die eine jede Kultur ausmachen.
Während des Zweiten Weltkriegs schrieb sie das Werk "The Crysanthemum and the Sword- Patterns of Japanese Culture" , eine "Nationalcharakter"-Studie des japanischen Volkes, als strategische Beratung für das amerikanische Militär. Sie führte jedoch keine Feldforschungen durch, ihre Ausführungen basieren auf Interviews mit japanischen Kriegsgefangenen, sie stereotypisiert, übertreibt und lässt Sachen aus, um ihre Thesen zu stützen. Auch bei ihrem Buch "Patterns of Culture" führte sie keine eigenen Feldforschungen durch, sondern verwendete Materialien von anderen.
[6] [8] [15]

Margaret Mead forschte außerhalb Amerikas und führte Feldforschungen im südpazifischen Raum durch; insgesamt erforschte sie dort sieben Kulturen. 1925 reiste sie nach Samoa, wo sie speziell das Heranwachsen junger Mädchen beobachten sollte, um herauszufinden, ob diese eine ähnlich emotional turbulente Zeit durchmachten, wie amerikanische Jugendliche. Die Erkenntnisse dieser Forschungsreise schrieb sie in dem Buch "Coming of Age in Samoa" nieder; jugendliche Rebellion existiere demzufolge in Samoa nicht. Ihr Werk wurde vor allem von Derek Freeman kritisiert, der ihr eine romantische und idealisierte Sichtweise vorwarf, sie sei zu kurz im Feld gewesen, und habe Informationen selektiert und nicht geprüft.
Auch Margaret Mead versuchte Kulturen psychologisch zu interpretieren, jedoch nicht durch Nietzsche – wie Benedict – sondern sie entwickelte Schlüsselsymbole mit Freuds Werk.
"Nach Margaret Mead, deren Arbeiten die öffentliche Meinung in den 1960er und 1970er Jahren in den USA nachhaltig beeinflussten, gibt es für jede Kultur die selbe begrenzte Anzahl von Grundtempramenten, die sich jedoch auf je sehr unterschiedliche Weise mischen und ausprägen." [7]
"Ein Konzept von Kultur als homogener Ganzheit, die über wenige Schlüsselsymbole integriert ist und nur für ihre Angehörigen Sinn macht, ist seit fast einem halben Jahrhundert [jedoch] wissenschaftlich völlig überholt." [16]

"Nach wie vor steht die amerikanische Cultural Anthropology weitgehend in der Tradition Boas, wenngleich der ihr zugrunde liegende Kulturrelativismus vor allem wegen der ahistorischen Perspektive und der Schwierigkeit, Kulturvergleiche und ethische Urteile über andere Kulturen anzustellen, kritisiert wird." [7]

Franz Boas war ein extremer Vertreter des Kulturrelativismus, dadurch ließ er sinnvolle Verallgemeinerungen in der Ethnologie nicht zu; er stellte keine neuen Theorien auf, sondern kritisierte alte.
Mit Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland sprach er sich vermehrt gegen Rassismus aus; er reiste noch im Jahre 1934 mit einem Vortrag gegen die Rassenlehre durch Deutschland.
Zwei Jahre vor seinem Tod erschien 1940 noch das Werk "Race, Language and Culture". [6]


Quellenangabe:

[1] (vgl.) Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.177-178
[2] (vgl.) Eriksen, Thomas Hylland 1995,2001. Small Places, Large Issues; S.14
[3] (vgl.) F.Barth, A.Gingrich, R.Parkin, S.Silverman. One discipline, four ways: British, German, French and American anthropology. Chicago 2005; S.260
[4] (vgl.) Barnard, Alan: History and Theory in Anthropology; Cambridge University Press 2000; S.100-101
[5] (vgl.) Barnard, Alan and Spencer, Johnathan (Hg.): Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology; Routledge; London 2002; S.72
[6] (vgl.) Referate Geschichtetutorium
[7] dtv-Atlas: Ethnologie; München 2005; S.47
[8] (vgl.) VO Geschichte der KSA, Prof.Gingrich; WS 2005/06
[9] Barnard, Alan and Spencer, Johnathan (Hg.): Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology; Routledge; London 2002; S.73
[10] (vgl.) Barnard, Alan and Spencer, Johnathan (Hg.): Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology; Routledge; London 2002; S.73
[11] Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.179
[12] (vgl.) Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.179
[13] (vgl.) F.Barth, A.Gingrich, R.Parkin, S.Silverman. One discipline, four ways: British, German, French and American anthropology. Chicago 2005; S.264
[14] Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.180
[15] (vgl.) Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.181
[16] Gingrich, Andre: Erkundungen - Themen der ethnologischen Forschung; Wien; Köln; Weimar: Böhlau1999; S.181

Friday, November 25, 2005

Essay 1


Evolutionismus

Von welchen Prämissen geht der Evolutionismus aus und wie können die Grundannahmen und Forschungsergebnisse des Evolutionismus in der heutigen Sozial- und Kulturanthropologie integriert und bewertet werden? Diskutiere die theoretische Basis dieser anthropologischen Strömung im Zusammenhang mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen bzw. mit politischen und wirtschaftlichen Kategorien der Gegenwart.

"Der ständige Wandel dessen, was Kultur genannt wird, d.h. dessen, was auf nichtbiologischem Weg von einer Generation zur folgenden überliefert wird, liegt auf der Hand. Vielleicht deshalb hat es sehr früh Versuche gegeben, Theorien zur Erklärung dieser ständigen Veränderungen zu entwickeln." [1]
Seit der Antike gab es immer wieder Gelehrte die sich mit der Frage beschäftigten, wie sich die Menschheit entwickelt hätte, doch die eigentlichen Vorläufer des klassischen Evolutionismus findet man bei den Gelehrten der schottischen und französischen Aufklärung. Auf Grund der Industriellen Revolution und der kolonialen Expansion wuchs das Interesse an den so genannten "Wilden" und man war überzeugt, dass die Menschheit verschiede Entwicklungsstufen durchläuft vom "Einfachen", hin zum "Komplexeren/Fortschrittlichen".
So entwickelte zum Beispiel Adam Ferguson (1723-1816) ein dreiteiliges Stufenmodell, in dem er die Menschheitsgeschichte in Epochen der Wildheit, der Barbarei und der Zivilisation einteilte.[2]
Doch die eigentlichen Ideen des Evolutionismus der Kultur- und Sozialanthropologie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurden von den naturwissenschaftlichen Evolutionslehren übernommen.
So entwickelte Charles Lyell (1797-1875) das geologische Modell, mit dessen Hilfe es möglich war Funde urzeitlicher Steinwerkzeuge zeitlich einzuordnen. Dieses geologische Schichtenmodell beeinflusste die klassischen Evolutionisten ebenso wie die biologische Evolutionstheorie Charles Darwins (1809-1882). Darwin erklärt den Wandel der Arten durch das Selektionsprinzip: die jeweils Bestangepaßten einer Art setzen sich im "Kampf ums Überleben" durch und pflanzen sich erfolgreich fort.
Nun wurde davon ausgegangen, dass sich nicht nur der "biologische Mensch" so entwickelt hat, sonder auch der "kulturelle Mensch" eine solche stufenartige Entwicklung durchlief bzw. durchläuft. Auf der obersten Stufe dieser Entwicklung sahen sich die modernen Industriezivilisationen selbst. Die eigene Gesellschaft war die Spitze der Evolution und somit der Messwert, mit dem andere Gesellschaften zu vergleichen wären.
Solche Gesetzmäßigkeiten würden jedoch gleiche Ausgangsbedingungen für alle voraussetzen, somit gingen die Evolutionisten davon aus, dass alle Menschen hinsichtlich ihrer psychischen und intellektuellen Veranlagung gleich seinen. So ließe sich davon ausgehen, dass auch die Entwicklung der Menschen überall auf der Welt annähernd gleich ablaufen müsse. Da dies aber nicht der real existierenden Wahrheit entspricht, weil die Menschheit nun einmal nicht überall auf der Erde gleich entwickelt ist, wurden eine Reihe von Zusatzbegründungen eingeführt, die die unterschiedlichen Entwicklungsstadien erklären sollten. So sei die Entwicklung zum Beispiel abhängig von der geographischen Umwelt- insbesondere des Nahrungs- und Rohstoffangebots und des Klimas, oder von der Art des Unterhaltserwerbs (Bodenbauern oder noch Jäger und Sammler). Sie gingen ebenso –trotz der Annahme alle Menschen seinen gleich- von rassischen Besonderheiten aus, und unterschieden zwischen "höheren" und "niederen" Rassen mit entsprechend unterschiedlichen geistigen Gaben (optimal konzentriert bei den Europäern) [3]; dass dem Evolutionismus bei dieser Sichtweise ein rassistischer Beigeschmack zugesprochen wird, verwundert nicht.
Verglichen wurde nun, zum Beispiel, die technische Entwicklung der einzelnen Völker, und aus den Ergebnissen dieser Vergleiche wurden –fälschlicherweise- Rückschlüsse auf die Kultur dieser Völker, wie etwa Erziehung, Moral, Religiosität oder Kunst gezogen. "Hier wurde unzulässig vom technischen Perfektionsniveau auf Empfinden und Sozialverhalten zurückgeschlossen und entsprechend den "Wilden" eine "Steinzeitmoral" unterstellt [...] denen zufolge die Urmenschen einander auffraßen, in Horden zwar, aber ohne alle Regel –auch in sexueller Beziehung- zusammenlebten und allein das Faustrecht galt. Die noch existierenden "Wilden", durfte man folgern, konnten dem Zustand noch nicht allzu entrückt sein." [4]
Diese vergleichende Methode basiert auf der Einteilung ähnlicher ethnographischer Merkmale. Das Klassifikationsschema wird als Stufenmodell einer Entwicklung angesehen. [5] Um nun diese Einteilung vornehmen zu können mussten die Evolutionisten über genügend Material verfügen, aus dem sie ihre Informationen über ein Volk beziehen konnten. Da die Evolutionisten allesamt keine Freunde der Feldforschung waren und den Kontakt zu den Menschen, über die sie ihre Studie zu verfassen pflegten, mieden ( Frazers` Antwort auf die Frage hin, ob er Kontakt mit diesen "Wilden" habe, über die er schreibe – "heaven forbid!" [6] )
bezogen sie ihre Informationen aus Berichten von Missionaren und Erzählungen von Reisenden, und übernahmen diese ohne jedwede Überprüfung des Wahrheitsgehaltes dieser Aussagen.
Im Laufe der Zeit sammelten sie eine erstaunliche Menge an ethnographischem Material an, strukturierten und ordneten es und gründeten so die Basis für weitere Forschungen. Die Fülle und Qualität der Materialien, die hinterlassen wurden, ist der große Verdienst der klassischen Evolutionisten. Sie dokumentierten erstmalig die kulturelle Diversität und prägten Terminologien (Exogamie, Animismus, Totemismus...), die auch heute noch –auch wenn die eigentliche Bedeutung nicht immer übernommen wurde- verwendet werden.

Zu den bedeutendsten Vertretern des klassischen Evolutionismus im 19.Jahrhundert zählen

Andrew Lang (1844-1912)

Johann Jakob Bachofen (1825-1887)
Ein Schweizer Jurist und Altertumsforscher, der in seinem Hauptwerk, "Das Mutterrecht", behauptet, die menschliche Urgesellschaft sei intuitiv ein Matriachat gewesen, das erst vom rationalen Patriachat abgelöst worden war. [7] [8]

John Ferguson McLennan (1827-1881)
Ein britischer Rechtsanwalt und Anthropologe, der sich in seinem Werk "Primitive Marriage" (1865) mit dem Heiratsritual beschäftigte und erstmals die Terminologie "exogam" und "endogam" einführte. Er beschrieb die Entwicklung von Promiskuität über Polygamie, hin zur Monogamie. Seine berühmteste Arbeit über Totems hatte großen Einfluss auf andere Sozialwissenschaften, eingeschlossen Sigmund Freud. [7] [8]

Edward Burnett Tylor (1832-1917)
"Culture, or civilization, taken in ist wide ethnogrphic sense, is that complex whole which includes knowledge, belief, art, morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquiredby man as a member of society"
Seine Definition von Kultur wird auch heute noch von Anthropologen verwendet, er gilt als einer der wichtigsten Evolutionisten seiner Zeit und inspirierte viele Ethnologen mit seinem Werk "Primitive Culture"(1871). Er übernahm zur Veranschaulichung seiner Auffassung, dass sich die Institutionen der Menschen in einer bestimmten Reihenfolge überlagerten, das Bild von geologischen Schichten und nicht das von Verzweigungen. Als oberste Schicht wäre hier wiederum die europäische Kultur, als diejenige, die allen anderen Schichten überlegen ist. Er entwickelte auch das Konzept von Survivals in einer Kultur, ein traditionelles Überbleibsel aus früherer Zeit. [7] [8] [9]

James George Frazer (1854-1941)
Der Verfasser des gewaltigen Werkes "The Golden Bough" befasste sich mit dem Zusammenhang zwischen Mythen und Ritualen und beschreibt und analysiert in seiner Studie äußerst genau und detailliert Kulte, Riten und Mythen und zieht auch eine Parallele zum frühen Christentum. [7] [8]


Herbert Spencer (1820-1903)
Er beschrieb 1862 Evolution als
"...a change from an indefinite, incoherent homogeneity to a definite, coherent heterogeneity; through continous differentiations and integrations" [9]

Lewis Henry Morgan (1818-1881)
Der wohl einflussreichste klassische Evolutionist gliederte an die Anfangs genannte Unterteilung Fergusons` an, teilte die Entwicklungsgeschichte der Menschheit jedoch in sieben Epochen. Morgan versuchte seine Ansätze empirisch zu untermauern und führte unter anderem Untersuchungen bei den Irokesen durch; somit war er ein Vorläufer der Feldforschung. Er machte die Entwicklung der Menschen davon abhängig, welche Mittel sie zur Bedarfsdeckung einsetzten. Vor allem diese Bindung von Entwicklung an ganz spezifische technologische Errungenschaften ist heute nicht mehr haltbar.[9]

Die Errungenschaften der Evolutionisten liegen, wie bereits erwähnt, in der Ansammlung immensen ethnographischen Materials und auch in ihrer grundlegende Annahme, dass grundsätzlich alle Menschen gleich seien.
An Kritik bleibt ihnen noch abschließend extreme Ethnozentrik vorzuwerfe und dass sie diffusionistische Prozesse vollkommen ignorierten.

"Die Bedeutung des Evolutionsgedankens geht auch aus der Tatsache hervor, dass im Grunde alle heute anerkannten Richtungen in der Ethnologie in ihren Ursprüngen auf die Lehren der klassischen Evolutionisten zurückgehen und dass sie alle –ob ablehnend oder anerkennend- zum Evolutionismus Stellung genommen haben." [10]


Literatur- und Quellenangaben:
[1] Ethnologie: Einführung und Überblick /hrsg. Von Hans Fischer, 4.überarb. Aufl.-Berlin; Hamburg: Reimer 1998, S.247
[2] (vgl.) ebenda
[3] (vgl.) ebenda, S.33
[4] ebenda, S.33
[5] (vgl.)Internet: www.wikipedia.org
[6] (vgl.)Eriksen, Thomas Hylland 1995,2001. Small Places, Large Issues
[7] (vgl.)Internet: www.wikipedia.com und andere
[8] (vgl.) F.Barth, A.Gingrich, R.Parkin, S.Silverman. One discipline, four ways: British, German, French and American anthropology. Chicago 2005
[9] (vgl.) Ethnologie: Einf. und Überblick
[10] Ethnologie: Einf. und Überblick; S.268